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Take-off in Richtung Europa

Die mexikanische Luft- und Raumfahrtindustrie zählt mit einer jährlichen Wachstumsrate von 17 Prozent zu einem der am schnellsten wachsenden Märkte in Lateinamerika. Im Jahr 2020 soll sie nach Schätzungen des mexikanischen Wirtschaftsministeriums weltweit auf Platz zehn liegen. Die Luftfahrtindustrie liegt vornehmlich in ausgewählten Bundesstaaten, unter anderem in Baja California, an der Grenze zu den USA. Hier hat sich auch Sergio Segura mit seiner Firma InnoCentro Aerospacial niedergelassen. Um sein Geschäft mit Europa anzukurbeln und unabhängiger vom US-amerikanischen Markt zu werden, hat er 2018 am MP teilgenommen und im Zuge dessen in eine deutsche Firma investiert.

„Wir sind ein reines Exportunternehmen. 90 Prozent gehen in die USA und nach Europa“, sagt Segura. Damit ist der 47-jährige Maschinenbauingenieur bisher gut gefahren. Der amerikanische Markt, der vom Branchenriesen Boeing dominiert wird, hat einen großen Bedarf an Zulieferern von Flugzeugkomponenten. Zudem genießt Mexiko durch ein Freihandelsabkommen mit Kanada und den USA Zollvergünstigungen. Entsprechend voll waren die Auftragsbücher von InnoCentro, als Segura im Frühjahr 2018 am BMWi-Managerfortbildungsprogramm teilnahm und nach neuen Geschäftschancen Ausschau hielt. Zu dem Zeitpunkt machte das US-Geschäft 90 Prozent seines Umsatzes aus, mit Deutschland hat er rund zehn Prozent generiert. „Mit deutschen Firmen hatten wir bis dato immer nur zeitlich befristete Projekte, aber nichts Langfristiges“, so Segura.

In Deutschland lernte er die AviaWerks GmbH aus Bremen kennen, einen Mittelständler, der stark im Bereich der technischen Flugsimulation ist. „Wir haben uns auf die Innenraumgestaltung von Flugzeugen spezialisiert. Ein Simulationssystem ist die perfekte Ergänzung dazu. Damit können wir schon im Vorfeld herausfinden, wie beispielsweise der Passagierkomfort weiter verbessert werden kann“, erklärt Segura. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Roberto Corral, ebenfalls MP-Alumni von 2015, entschied er sich, AviaWerks zu übernehmen. „Am Anfang gab es Bedenken innerhalb der deutschen Belegschaft“, sagt Segura. Diese konnte er inzwischen abbauen. „Ein mexikanischer Boss ist besser als ein deutscher“, hat er mittlerweile schon zu hören bekommen, wie er nicht ohne Stolz berichtet. Geholfen habe ihm und seinem Partner bei dieser interkulturellen Challenge das MP, durch das sie vieles über das deutsche Geschäftsumfeld erfuhren. Außerdem lernen die beiden Firmeninhaber jetzt Deutsch, um die Kommunikation mit dem Team und den Kunden und damit die langfristige Geschäftsentwicklung zu verbessern.

In Mexiko werden keine Flugzeuge montiert, vielmehr liefert das Land Flugzeugkomponenten in die USA, Kanada und Europa. Der Bedarf an Zulieferungen betrug 2018 nach Einschätzung des Dachverbands der mexikanischen Luftfahrtindustrie Femia – dessen Mitglied und Mitgründer Segura seit 2006 ist – rund 500 Millionen US-Dollar. „Aktuell ist es schwer, neue Verträge abzuschließen, aber nicht unmöglich“, sagt Segura. Bedarf bestehe vor allem bei Komponenten für Turbinen, Flugzeugrümpfe, Landegestelle sowie an Kunststoffteilen, Verbundmaterialien und weiteren Spezialwerkstoffen. „Die beiden Duopolisten Boeing und Airbus bestimmen die Marktentwicklung in der Luftfahrtindustrie. Als Zulieferer sind wir abhängig von ihnen. Geht es Boeing schlecht, so wie derzeit, wirkt sich das auch auf unser Geschäft aus“, so der Unternehmer. Teilweise nehmen Aufträge ab, weil weniger Maschinen produziert werden, dafür steigt die Nachfrage zum Beispiel bei Kabinenrenovierungen, berichtet Segura. Er hatte sich in Deutschland mit einigen potenziellen Kooperationspartnern im Bereich der Innenraumausstattung getroffen, unter anderem mit einem Hersteller von Flugzeugesstischen, Sitzverkleidungen und Inneneinrichtungen aus Kunststoff. Durch die schlechte Auftragslage bei Boeing musste er seine angebahnten Kontakte erst mal auf Eis legen. Dafür konzentriert InnoCentro seine Energien jetzt mit Hilfe des neuen Unternehmens auf den Ausbau des Europageschäfts, das von Boeings Hauptkonkurrent, dem deutsch-französischen Unternehmen Airbus, dominiert wird.

Fotos: ©InnoCentro/Segura, Shutterstock