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„Kein Patentrezept für die Industrie 4.0“

Nach seinem Studium in Spanien, Mexiko und den USA arbeitet Luis H. Sánchez Ocampo als Projektmanager in der Automobilindustrie. Vor drei Jahren hat er mit seinem Vater das Unternehmen Metalistik, eine Werkzeugbaufabrik, gegründet. Im Interview spricht Sánchez über seine Erfahrungen, neue Pläne und Investitionen im Bereich Industrie 4.0.

GIZ: Herr Sánchez, Sie haben das MP im Februar 2016 erfolgreich absolviert. Was waren die Highlights Ihres Trainings und Ihres Aufenthalts in Deutschland?
Luis H. Sánchez Ocampo: Zweifelsohne der gemeinsame Workshop mit Daimler und seinen Automobilzulieferern, die künftig die Mercedes-Produktion in Mexiko aufbauen wollen. Für mich war es eine Riesenchance, Kontakte zu knüpfen und mich als verlässlicher Partner für die Teileherstellung vor Ort vorzustellen.

Zugleich lernte ich auch die Mitarbeiter der Rheinisch-Westfälisch-Technischen Hochschule (RWTH) Aachen kennen. Dort haben wir mehrere Bereiche besichtigt, wo die Industrie 4.0-Anwendungen entwickelt werden, darunter spezielle Anwendungen für Logistik, Produktionssteuerung und Prozessoptimierung, Qualitätswesen, Wartung und Instandhaltung. Bei einer Führung durch das Werkzeugmaschinenlabor (WZL) haben wir erfahren, wie dieses Forschungszentrum die besten Technologien auswählt und die Mitarbeiter der Partnerunternehmen für den Werkzeugbau qualifiziert. Im Mai 2016 haben WZL-Mitarbeiter Metalistika und andere Betriebe in Mexiko besucht, um sich vor Ort über Marktchancen zu informieren.

Industrie 4.0 eröffnet die Perspektive einer „Smart Factory“ und hilft sie umzusetzen. Welche Bedeutung hat das für Ihr Tagesgeschäft?
Aktuell entwickeln wir unser eigenes Produktionssteuerungssystem für Metalistik. Das System soll vor allem sehr flexibel auf Veränderungen reagieren, um optimale Produktionsabläufe zu sichern. Dafür muss Metalistik zwei wichtige Probleme lösen: Erstens haben wir nicht die neuesten Maschinen, sie sind nicht mit Kommunikationskanälen ausgestattet. Und zweitens beschleunigt die Online-Analyse die Abläufe noch zusätzlich. Also benötigen unsere Produktionsleiter die aktuellsten Informationen, um möglichst schnell und ad hoc reagieren zu können.

Um das erste Problem zu lösen, überlegen wir uns, ein kostengünstiges System der University of Navarra einzusetzen. Dieses System übermittelt den aktuellen Zustand der Produktionsanlage und liefert Informationen über eventuelle Störungen oder Qualitätsprobleme in Echtzeit. Mit dieser Analyse können wir effektive Sofortmaßnahmen einleiten. Von unserer Datenbank, die alle Informationen bündelt, erhalten die Produktionsleiter Handlungsanweisungen durch ein Augmented-Reality-System.

Mit einem privaten Beteiligungsfonds investiert Ihr Unternehmen in die Industrie 4.0-Technologie in Aguascalientes in Mexiko. Wie sehen Ihre Pläne aus?
Diese Entwicklung könnte zur Abspaltung eines neuen Unternehmens führen. Wir interessieren uns für zwei weitere Industriebetriebe, die ähnliche Fertigungsbedingungen haben, aber andere Produkte herstellen. Nach der Analyse und Auswertung der Informationen werden wir unser System aktualisieren. Bei der Projektentwicklung unterstützt uns Asymmetric Business Dynamics, ein Beratungs- und IT-Unternehmen. Sollte sich das neue System für die ersten zwei Betriebe als erfolgreich erweisen, könnten wir es als eine preiswerte Lösung auch für andere Industrieunternehmen vermarkten. Unsere Gesellschafter würden es sehr begrüßen, da wir dadurch nicht nur unsere eigenen Probleme bei der Produktionssteuerung in den Griff bekommen, sondern auch eine zusätzliche Einnahmenquelle erschließen könnten.

Moderne IT-Technologien wie Cyber-physische Systeme, Big Data oder Cloud Computing schaffen neue Möglichkeiten, die Effizienz zu steigern und die Qualität zu verbessern. Welche Herausforderungen bringen sie mit sich?

Momentan entwickeln viele Forschungseinrichtungen Technologien, die sich gegenseitig ersetzen können. Allerdings gibt es kein Patentrezept für die Industrie 4.0. Eine der größten Herausforderungen besteht meiner Ansicht nach darin, die Herangehensweise an die konkreten Bedürfnisse des jeweiligen Unternehmens anzupassen. Wir dürfen aber auch das traditionelle Lean-Manufacturing-Konzept nicht vergessen, um Fehlinvestitionen, z.B. in die Automatisierung des Abfallmanagements, zu vermeiden und Ergebnisse zu erreichen, die ausschließlich auf der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der Rentabilität des Unternehmens basieren.

Lieber Herr Sanchez, wir danken für das Interview!