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Starke Mitarbeiter – starker Mittelstand


Die russischen MP-Teilnehmer, die im September 2017 vier Wochen in Hamburg verbrachten, erfuhren aus erster Hand, was den deutschen Mittelstand so stark macht. Der Geschäftsführer des inhabergeführten Unternehmens Timm Elektonik verriet ihnen, wie das Unternehmen vor den Toren Hamburgs mit 25 Mitarbeitern eine weltweit führende Position in einem Nischenmarkt erreicht hat.

Der Begriff Hidden Champion ist für den Hersteller von Mess- und Steuergeräten in explosionsgefährdeten Bereichen sehr zutreffend. In einem Nischenmarkt, in dem etwa zehn Unternehmen weltweit tätig sind, konnte sich die Timm Elektronik eine führende Position erarbeiten. Wie hat die Firma das geschafft?

Geschäftsführender Gesellschafter Dr. Thomas Overbeck, der das Unternehmen 2010 übernommen hat, erläuterte den interessierten Führungskräften aus Russland, welche Maßnahmen entscheidend für den Erfolg waren. Neben den hohen Investitionen in Innovation und Qualität spiele vor allem die Übertragung von Verantwortung an jeden einzelnen Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Während in vielen Betrieben die Mitarbeiter sehr bemüht sind, dem Chef alles recht zu machen, sehe sich Overbeck in seinem Amt eher als Dienstleister. Er sucht täglich den Kontakt zu seinen Angestellten und unterstützt diese in ihrer Arbeit. Zudem gibt es bei der Timm Elektronik keine Hierarchieebenen unter den Mitarbeitern. Als Unternehmenschef ist Overbeck nach eigener Beschreibung „der Einzige, der nicht arbeitet, sondern als Garant einer vertrauensvollen und fast familiären Atmosphäre fungiert“. Dadurch werde ein hohes Maß an Initiative und Engagement aller Beschäftigten ermöglicht.

Die MP-Teilnehmer zeigten sich sehr interessiert an diesem Führungsstil, den sie bereits im Training zum Innovationsmanagement mit Dr. Heike Pfitzner kennengelernt haben. Ein Teilnehmer wollte wissen, ob sich dieses Konzept für jedes Unternehmen eigne. Overbeck, der zuvor in einem Großkonzern tätig war, versteht den Führungsstil unabhängig von der Größe des Unternehmens. Es sei jedoch empfehlenswert, ab ca. 40 Mitarbeitern eine und ab ca. 200 Beschäftigten eine weitere Hierarchieebene einzuführen. Das Konzept, den Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung zu geben und die eigene Rolle als Führungskraft in der Unterstützung der Angestellten zu sehen, sei in jedem Unternehmen anwendbar.

Wie könne man das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnen, so dass sie bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen? Dies sei nicht immer leicht, sagte Overbeck. Als er das zuvor streng hierarchisch organisierte Unternehmen übernahm, war viel Überzeugungsarbeit notwendig. Durch häufige Gespräche und das tägliche Vorleben der Werte setzte aber allmählich ein Umdenken ein. Sehr wichtig ist auch eine gut entwickelte Fehlerkultur. Zwar soll man Fehler klar benennen und besprechen, jedoch nicht negativ auffassen, sondern als Chance zur Verbesserung sehen und keine nachteiligen Konsequenzen für die betroffenen Mitarbeiter ziehen.

So hat es das Unternehmen in den vergangenen sieben Jahren geschafft, von acht auf 26 Mitarbeiter zu wachsen und die Marktführung zu übernehmen. Sehr beeindruckt von der Erfolgsstory, nahmen die russischen Führungskräfte von diesem Besuch viele neue Erkenntnisse und Ideen mit. Die Übertragbarkeit des Modells auf Unternehmen in Russland sehen sie allerdings noch kritisch: Das Konzept, mit einem einzigartigen Nischenprodukt so erfolgreich zu sein, dass es keiner großen Marketingausgaben bedarf, um Weltmarktführer zu werden, sei in Russland nicht sehr bekannt. Und auch die Idee, dass die gemeinsame Tätigkeit einen Sinn haben und vor allem für das Wohl der Menschen sorgen soll – der Kunden wie der eigenen Mitarbeiter – und dass sich ein unternehmerischer Erfolg gerade durch diese Sinnhaftigkeit einstellt, wird den Teilnehmern noch lange nachgehen.

Von Timo Tekhaus
Akademie International, Hamburg
www.akademie.international